Sprachbewusstsein

Hier können Sie nachlesen, welche Vorteile es mit sich bringt, Sprache bewusst ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen, wie eine sprachfreundliche Atmosphäre geschaffen werden kann und wann der beste Zeitpunkt ist, sich mit Sprache bewusst zu befassen (Spoiler: Immer).

Das gemeinsame Wundern, Staunen und Nachdenken über Sprache(n) zu Hause, in der Kita und Schule schärft das Sprachbewusstsein der Kinder. In einer sprachfreundlichen Umgebung aufzuwachsen weckt die Neugierde auf Sprachen und hilft den Kindern, ein ausgeprägtes Sprachgefühl zu entwickeln, das ihnen in vielen Lernbereichen zugutekommt. Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, können dabei aus mehreren Ressourcen schöpfen und neben dem Sprach- auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln.

Welche Vorteile hat ein bewusster Umgang mit Sprache?

Vorteil Nr. 1

Sprachen sind komplex. Sie weisen viele Regeln und manchmal ebenso viele Ausnahmen auf. Sei es die Umgebungssprache Deutsch, eine Fremd- oder die Herkunftssprache – mit jeder Sprache, die Kinder erlernen, werden sprachreflexive Prozesse in Gang gesetzt, die die sie für sprachliche Regeln, Muster und Konzepte sensibilisieren (James & Garrett 1992). Insbeson-dere Kinder, die früh mit zwei Sprachsystemen konfrontiert werden (z. B. der Landessprache und der Herkunftssprache), weisen eine höhere Aufmerksamkeit für sprachliche Strukturen auf als Kinder, die vor Schuleintritt monolingual aufgewachsen sind (Wildemann 2013: 324; vgl. auch Bialystock 1991). Konkret heißt das, dass die Entwicklung des Sprachbewusstseins ganz eng mit der kognitiven Entwicklung verzahnt ist. Kinder, die über ein höheres Sprach-bewusstsein verfügen, sind u. a. sicherer in der Anwendung grammatischer Regeln (Eichler 2007), haben ein höheres Leseverständnis (Brimo et al. 2017) und haben bessere Recht-schreibleistungen (Apel et al. 2012).

Vorteil Nr. 2

Ein wertschätzender und bewusster Umgang mit Sprache(n) fördert auch eine positive emotionale Einstellung zu Sprache(n) und Sprachenvielfalt. Kinder, die ihre Herkunftssprachen nicht verstecken (müssen), sondern in einem offenen Umfeld aufwachsen, das ihnen ermöglicht, in und über ihre Herkunftssprache zu sprechen, entwickeln Toleranz und Verständnis gegenüber Sprecher*innen anderer Sprachen und Dialekte sowie ihrer Kultur (Finkbeiner 2017).

Vorteil Nr. 3

Auf der sozialen Ebene hilft die Förderung des Sprachbewusstseins Kindern (und Erwachse-nen), mit Mitmenschen zu kommunizieren, sich in sie hineinzuversetzen und ihre Absichten besser zu verstehen (Tomasello 2008: 25). Sensibilität für Sprache vereinfacht es auch, je nach Situation die passenden Worte zu finden und somit sozial adäquat zu handeln. Kinder, die neben der Landessprache auch ihre Herkunftssprache erworben und zu dieser eine positi-ve Einstellung entwickelt haben, können sich sicher in einem weiten sozialen Umfeld bewe-gen.

Vorteil Nr. 4

Mit Sprache(n) können Gedanken, Einstellungen und Handlungen beeinflusst werden. So z. B. in der Politik, in den Medien oder in der Werbung. Ein geschärftes Sprachbewusstsein er-möglicht Menschen, Wahrheiten von Unwahrheiten zu unterscheiden sowie Manipulationen und Sprachmissbrauch zu erkennen (Finkbeiner 2017; James Garrett 1992: 12). Sprachbe-wusstsein verhilft somit zu einer sprachkritischen Haltung und sensibilisiert für die Manipu-lationskraft von Sprache (Gornik 2014: 46).

Wie stärke ich das Sprachbewusstsein meines Kindes?

Sowohl Eltern als auch Erzieher*innen und Lehrer*innen können das Sprachbewusstsein der Kinder gezielt fördern. Spielerisch und in einer wertschätzenden Atmosphäre können Kinder auf vielfältige Weise für die Besonderheiten ihrer Sprache(n) sensibilisiert werden. Eltern können mit ihren Kindern beispielsweise einfache Zungenbrecher in der Herkunftssprache (und Landessprache) sprechen, Obst und Gemüse in den zu Hause gesprochenen Sprachen benennen oder einfach die Lieblingsthemen der Kinder (z. B. Tiere, Einhörner oder Zauberer) aufgreifen und gemeinsam eine Geschichte in der Herkunftssprache entwickeln (Hricová 2021: 46 – 48). Geduld und positive Bestärkung sind dabei viel wichtiger als fehlerfreies Sprechen und pädagogische Konzepte. Bereits die einfache Frage nach dem herkunftssprachlichen Lieblingswort des Kindes kann ein abendfüllendes Gespräch anregen.

In den Bildungseinrichtungen gehören Sprachbewusstsein und Sprachreflexion zu den meisten Lehr-plänen. Im Mathematikunterricht eignen sich Zahlwörter besonders gut dazu, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Sprachen zu beleuchten. Im Deutschen wird bei Zahlenwerten größer 20 zuerst der Zehner gesprochen und dann die Einer (‚zweiund-zwanzig‘), während auf viele andere Sprachen (wie z. B. das Englische, Polnische oder Türkische) das Gegenteil zutrifft. Auch lassen sich anhand von Zahlen Sprachvergleiche anstellen, die etwas über ihr Verwandtschaftsverhältnis aussa-gen (z. B. Spanisch: nueve; Italienisch: nove; Französisch: neuf). Im Biologieunterricht könnten Kinder animiert werden, Tiernamen in ihrer Herkunftssprache zu benennen. Solche spontanen Sprachaktivi-täten bieten sich in allen Fächern an und machen deutlich, wie eng Sprache und die Wahrnehmung der Welt miteinander zusammenhängen. Zum Beispiel ist ein Tausendfüßler ist im Polnischen und Italienischen ein Hundertfüßler (Pl.: stonoga, Ital.: centopiedi) und im Türkischen ein Vierzigfüßler (Türk.: kirkayak) (Gürsoy 2010) – solche Vergleiche regen das Nachdenken über Sprache spielerisch an und machen Kinder zu aufmerksamen Sprachbeobachter*innen.

Kann es zu spät sein, um Sprachbewusstsein zu entwickeln?

Nein. Sprachbewusstsein kann ein Leben lang gestärkt und entwickelt werden. Egal, ob es sich um die Herkunfts-,Umgebungs- oder Fremdsprache handelt: Jede Sprachsituation lädt dazu ein, intensiver über Sprache, ihre Regeln und Konzepte nachzudenken. Tatsächlich fallen Sprachbewusstseinsübungen während das frühkindlichen Spracherwerbs auf besonders fruchtbaren Boden, da das Gehirn des Kinders besonders aufnahmefähig ist, jedoch begegnen einem auch im Erwachsenenalter viele Situationen, die auf ganz natürliche Weise Sprachreflexionen in Gang setzen – sei es, weil man nicht unhöflich sein will und nach den passenden Worten sucht, eine Fremdsprache erlernt und die Grammatikregeln mit anderen Sprachen vergleicht, auf Parties über Witze mit gleichlautenden Worten lacht oder sich über die Wortwahl von anderen Personen ärgert. Über Sprache nachzudenken kann die Kommunikation mit anderen erleichtern, verhilft zu einem authentischen Ausdruck, stärkt kognitive Fähigkeiten, sensibilisiert für kulturelle Zusammenhänge und macht einfach Freude.

Literatur

Lesetipps

– Top 5

Fachliteratur

Apel, Kenn/Wilson-Fowler, Elizabeth B./Brimo, Danielle/Perrin, Nancy A. (2012): Metalinguistic contributions to reading and spelling in second and third grade students. In: Reading and Writing 25 (6), S. 1283–1305. https://doi.org/10.1007/s11145-011-9317-8.

Bialystok, Ellen (1991): Metalinguistic dimensions of bilingual language proficiency. In: Bialystok, Ellen (Hg.): Language Processing in Bilingual Children. 1. Aufl. Cambridge University Press. S. 113–140. https://doi.org/10.1017/CBO9780511620652.008.

Brimo, Danielle/Apel, Kenn/Fountain, Treeva (2017): Examining the contributions of syntactic awareness and syntactic knowledge to reading comprehension. In: Journal of Research in Reading 40 (1), S. 57–74. https://doi.org/10.1111/1467-9817.12050.

Eichler, Wolfgang (2007): Sprachbewusstheit. In: Sprachliche Kompetenzen. Konzepte und Messung. DESI-Studie (Deutsch Englisch Schülerleistung International). Beltz : Weinheim u.a. S. 147–157. https://doi.org/10.25656/01:3242.

Finkbeiner, Claudia/White, Joanna (2017): Language Awareness and Multilingualism: A Historical Overview. In: Cenoz, Jasone/Gorter, Durk/May, Stephen (Hg.): Language Awareness and Multilingualism. Cham: Springer International Publishing. S. 1–15. https://doi.org/10.1007/978-3-319-02325-0_1-2.

Gailberger, Steffen/Wietzke, Frauke (Hg.) (2013): Handbuch Kompetenzorientierter Deutschunterricht: Mit Online-Materialien. Weinheim: Beltz.

Gornik, Hildegard (2014): Sprachreflexion. Sprachbewusstheit, Sprachwissen, Sprachgefühl und die Kompetenz der Sprachthematisierung – ein Einblick in ein Begriffsfeld. In: Gornik. Hildegard (Hg.): Sprachreflexion und Grammatikunterricht. Baltmannsweiler: Schneider, S. 41-58.

Gürsoy, Erkan (2010): Language Awareness und Mehrsprachigkeit. In: Kompetenzzentrum ProDaZ.

Hricová, Marianna (2021): Sprachförderung bei Mehrsprachigkeit: ein Ratgeber für Eltern, Pädagogen und Therapeuten (= Ratgeber für Angehörige, Betroffene und Fachleute). 1. Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.

James, Carl/Garrett, Peter/Candlin, Christopher N. (2014): Language Awareness in the Classroom (= Applied Linguistics and Language Study). Hoboken: Taylor and Francis.

Tomasello, Michael (2008): Sozial-kognitive Grundlagen der Sprachentwicklung. In: Funke, Reinold/ Jäkel, Olaf /Januschek, Franz (Hg.): Denken über Sprechen. Facetten von Sprachbewusstheit. Flensburg: Flensburg University Press. S. 25–32.

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